Seien wir ehrlich: Das Äußere zählt – und weniger die inneren Werte. Den Vorgang des Alterns zu verzögern, aufzuhalten oder umzukehren ist ein alter Wunsch.
Für dieses Ziel wird gecremt, gepeelt, bestrahlt, Drip-Bars besucht, Pillen geschluckt, Pülverchen getrunken, geschwitzt, gedehnt, Blut gewaschen, die Haut mit feinen Nadeln durchstochen oder das Äußere: Durch Operationen in einen – zeitweise – jüngeren Zustand versetzt. Doch ab wann ist man alt und was ist altern überhaupt?
Die einen bezeichnen sich als „alt“, wenn einem morgens alles wehtut, es schwierig wird, das Kleingedruckte zu lesen oder der Kleidungsstil von modisch zu bequem wechselt.
Doch eigentlich ist „alt“, wenn die sexuelle Attraktivität abgenommen hat. Jüngere, dynamische, attraktiverer Mitglieder der Gesellschaft, zeigen einem jede Minute, wie jung, sportlich, gesund und potent sie sind. Das Haar sitzt, die Haut ist makellos, die 100 Burpees sind absolut kein Problem, niemals – zu keiner Zeit.
Wer dagegen immun ist, für den hat sich die Werbeindustrie etwas Neues einfallen lassen: Best Ager Models.
Diese sind zwar aus derselben Generation wie man selbst, doch sie sehen jünger aus, als sie sind; benehmen sich hipper; kommen bei der jüngeren Generation super an und sind medial die beste Version ihrer selbst. Die Arbeit, des Stylisten, des Visagisten, des Friseurs, des Set-Designers, des Fotografen, der elektronischen KI-Helfer und des PR-Teams ist zu vernachlässigen.
Denn alles ist nur ein Resultat der beworbenen Produkte und – nicht zu vergessen – dem richtigen Mindset.
Die kosmetische Industrie und unzählige Influencer lassen einen Glauben, dass jeder selbst, die äußeren Zeichen des Alterns, durch die Nutzung ihrer Angebote, beeinflussen kann. Und haben sie damit recht?
Teilweise.
Die äußeren Anzeichen, wie Falten, schütteres Haar, schlaffe Haut und das persönliche Auftreten, lassen sich in der Tat verändern, doch das eigentliche Altern des Körpers wird damit nicht aufgehalten.
Harte Wahrheit
Der Prozess des Alterns ist viel komplexer als gedacht. Kurz gefasst ist Altern biologisch gesehen, ein Funktionsverlust der auf der Zellebene, bei den Zellverbänden, der Zellkommunikation, den Organen, dem Immunsystem und der Nahrungsaufnahme zum Tragen kommt. Diese inneren Funktionsverluste führen zu den sichtbaren äußeren Alterserscheinungen und sie begünstigt das Auftreten von Parkinson, Alzheimer oder auch die amyotrophe Lateralsklerose. Im Prinzip ist Altern ein Mix, auf den wir bisher (Stand 2025) keinen großen Einfluss haben. Klingt hart, ist auch so.
Zellebene
Allein im Kern der Zelle sind vier von zwölf Merkmalen des Alterns verankert. Dazu zählen: Verkürzung der Telomere, genetischen Instabilität, epigenetischen Veränderung und dem Verlust der Proteostase.
Zellen sind, einfach ausgedrückt, wie Großstädte. Jede Großstadt ist eine funktionierende Einheit, die genau regulierten Abläufen unterliegt. Kommt es zu Störungen, werden diese entweder behoben oder es kommt, zu so massiven Störungen, dass es zu spürbaren Beeinträchtigungen kommt bis hin zum frühzeitigen Verlust der Zelle.
Den Zellkern, kann man sich als Bücherei vorstellen, indem alle Anleitungen für die Proteine in Büchern (Gene) gespeichert sind. Zum Lesen der einzelnen Bücher braucht es einen Bibliothekar, welcher die Information (DNA-Code) lesen und in einen Code (mRNA) übersetzt, aus dem ein Produkt (Protein) außerhalb des Zellkerns gebildet werden kann.
Doch manchmal können die Bücher nicht gelesen werden, weil Teile der riesigen Bücherei defekt sind. Seiten sind geschwärzt, entfernt oder falsch einsortiert. Oder im schlimmsten Fall sind die Bücher nicht mehr da!
Es kann auch passieren, dass der Bibliothekar beschädigt ist und zu viele oder fehlerhafte mRNAs gebildet werden, welchen den Ablauf der Proteinbildung stören und das Entsorgungssystem überlastet.
Ein bekanntes Beispiel für eine Funktionsstörung auf Zellkernebene, welche im Zusammenhang mit Alterungserscheinungen steht, ist das Hutchinson-Gilford-Progerie Syndrom.
Bei diesem Syndrom weist das LMNA-Gen eine heterozygote Mutation auf. Von dem LMNA-Gen werden zwei Proteine gebildet Lamin-A und Lamin-C. Beide Proteine stabilisieren die Kernhülle. Die Mutation im LMNA-Gen führt dazu, dass die mRNA falsch prozessiert wird und von dem Protein Lamin-A eine verkürzte Version gebildet wird. Dieses fehlerhafte Protein reicht aus, um die gesamte Kernhülle zu destabilisieren. Als Folge dieser Destabilisierung wird die Genexpression von anderen Genen und die Genomstabilität beeinträchtigt. Kinder, welche diese Mutation tragen, altern im Zeitraffer. Einzig wegen einer Mutation!
Die Proteine werden außerhalb des Zellkerns in speziellen Produktionsstätten gebildet. Danach geht das fertige Protein zu seiner Einsatzstelle. Sind die Proteine am Ende ihrer Funktionsfähigkeit angekommen, werden sie entweder wiederverwertet oder entsorgt. Defekte Organellen oder fehlerhafte Proteine werden von einer doppelten Biomembran umschlossen und zu einer Entsorgungseinheit gebracht und fachgerecht entsorgt.
Wird die doppelte Biomembran beispielsweise nicht richtig ausgebildet, bleibt der Müll in der Zelle und häuft sich an, was die Abläufe in der Zelle gewaltig stört.
Ein anderer wichtiger Punkt in der zellulären Großstadt ist die Energieversorgung. Dafür sind die Mitochondrien zuständig. Sind diese beschädigt, fehlt es an Energie und der Zellstoffwechsel ist, beeinträchtig. Was dazu führt, dass die Zelle früher stirbt als gedacht.
Nebenbei gibt es in Zellen auch Autobahnen, Lkws und Postleitzahlen. All dies sorgt dafür, dass die Proteine dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Alles Ansatzpunkte für Störungen im Betriebsablauf.
Ein anderer Punkt, sind spezielle Proteinkomplexe, welche der Zelle ermöglichen, wichtige Nährstoffe von außen aufzunehmen. Sie sind eine Art Zollbehörde. Sie entscheiden, wer reinkommt, und geleiten den Nährstoff, in die Zelle hinein.
Diese Behörde bzw. dieser Komplex setzten sich aus mehreren einzelnen Proteinen zusammen. Ist eines der Proteine falsch gefaltet, so geht die Tür entweder nicht auf, oder der Nährstoff wird in der Tür festgehalten. Damit fehlt der Zelle ein wichtiger Nährstoff, den sie nicht selbst bilden kann, und sie stirbt frühzeitig.
Ein weiterer Punkt, den ich nicht unerwähnt lassen will, ist, dass Zellen miteinander „reden“. Ist diese Kommunikation gestört, klappt es nicht mehr mit dem Nachbarn. Wegziehen ist schwierig und entweder einer der Zellpartner stirbt und eine neue Zelle wächst nach oder im schlimmsten Fall, löst sich der ganze Zellverband auf und der Körper wird unerwartet belastet. Ressourcen müssen kurzfristig umgeschichtet und neue Zellen müssen gebildet werden.
Die Sache mit der Ernährung
Verlässt man die Ebene der Einzel-Zell-Betrachtung und schaut sich die Nahrungsebene an, wird es interessant. Auch weil, viel Geld mit unzähligen Nahrungsergänzungsmittel und Ernährungsweisen gemacht wird.
Wenn zu wenig Nahrung vorhanden ist – altert man schneller. Nimmt man zu viel von der falschen Nahrung zu sich – altert man schneller. Doch was ist, wenn das Nahrungsangebot, nach aktueller Empfehlung von Ernährungswissenschaftlern optimal ist?
Nun, zum einen kann es sein, dass das Darmmikrobiom gestört ist. In diesem Fall werden Nährstoffe nicht aufgenommen, sondern weitergeleitet. Hinzu kommt, dass bei Störung des Mikrobioms das Immunsystem geschwächt wird, was einen anfälliger für Infektionen macht und chronische Entzündungen fördert. Beides trägt nicht dazu bei, dass man jünger wird.
Zum anderen, können auch die Sensornetzwerke, welche die Aufnahme der Nähr- und Botenstoffen in den Körper und innerhalb der Zellen koordinieren, defekt sein. Diese Sensoren entscheiden über die Aufnahme von Fettsäuren, Cholesterol, Neurotransmittern, Neuropeptide, Glukose und Aminosäuren.
All dies führt dazu, dass Zellen erst weniger Proteine produzieren und letztendlich früher sterben als sie sollten. Sie verhungern einfach, obwohl man Unsummen für teuer Nahrungsergänzungsmittel, Mikronährstoffe und Bionahrung ausgegeben hat!
Chronische Entzündungen
Für normale Krankheiten hat der gesunde Körper ein Arsenal an Abwehr- und Heilungsmechanismen: egal, ob Virus, Bakterien, Pilze, gewisse Gifte oder Parasiten. Anders sieht es bei chronischen Entzündungsreaktionen aus, welches das Immunsystem schwächt und seine Kapazitäten dauerhaft bindet. Tritt dann der Ernstfall einer Entzündung auf, ist das Immunsystem nicht oder nur sehr abgeschwächt einsatzbereit. Heilungen dauern länger oder werden nicht vollständig abgeschlossen, bevor der nächste Ernstfall auftritt. Die Belastungen für den Körper sind enorm. Folge: Man wird anfälliger, Zelle werden vorzeitig in Ruhestand geschickt und wichtige Regenerationsprozesse, die den Alterungsprozess verlangsamen laufen langsamer oder gar nicht mehr ab.
Stammzellen, leben nicht ewig
Damit wir lange jung, gesund, sportlich und fertil sind, geben Stammzellen alles. Sie sind der Jungbrunnen des Köpers. Erleiden sie irgendwann, nach unzähligen Zellteilungen ihr natürliches Ende, sterben sie ab.
Manche von ihnen sterben allerdings früher ab, weil beispielsweise UV-Licht oder Stresshormone zu viele Schäden auf der Zellkern-Ebene verursacht haben. Dann ist es vorbei: mit der definierten Haarpracht, der satten Haarpigmentierung oder der glatten Haut.
Fazit – an Falten stirbt man nicht
Altern ist ein Vorgang, der auf vielen Ebenen abläuft. Wenn im Inneren des Körpers die Alterungseffekte überhandnehmen, sind Falten ihre geringsten Sorgen.
Ankerpunkte:
Altern hat vielfältige Ursachen. Grundlegend ist Altern im biologischen Sinn ein Funktionsverlust der auf genetischer, zellinterner, organischer und immunologischer Ebene stattfindet.
Quellen:
- Bierhoff, H. Genetik, Epigenetik und Umweltfaktoren der Lebenserwartung – Welche Rolle spielt Nature-versus-Nurture beim Altern?. Bundesgesundheitsbl 67, 521–527 (2024). doi.org/10.1007/s00103-024-03873-x
- López-Otín, Carlos et al. Hallmarks of aging: An expanding universe. Cell, Volume 186, Issue 2, 243 – 278, January 19, 2023.
doi.org/10.1016/j.cell.2022.11.001