Hintergrund des Bildes kühle, sterile Umgebung. In der Bildmitte eine junge Frau in festlicher Kleidung, welche einen Geburtstagskuchen trägt. Die brennenden Kerzen sind die Zahl dreihundert.

Wissen, Geld, Longevity

Inhaltsverzeichnis

Falten fördern die Wirtschaft. Allein im Jahr 2024 hat die Anti-Aging-Industrie laut Precedence Research weltweit 73 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Für das Jahr 2034 geht man von 104 Milliarden US-Dollar aus. Hauptsächlich wurde Geld investiert in Anti-Falten-Mitteln und Behandlungen, Reduktion von Akne-Narben und der Herstellung der Haarpracht. So kommt es, dass weltweit Menschen jünger aussehen als sie, laut ihrem Geburtsdatum, sind. Doch wer das Phänomen „Altern“ verstanden hat, der denkt größer und weiter.

Fragte man früher Schamanen, Heiler oder umherreisende Händler um Rat, verkünden heute Influencer, Dermatologen und ästhetische-kosmetische Chirurgen medienwirksam ihre Erkenntnisse, auf einem kleinen Teilgebiet der Altersforschung. Sie verkaufen vor allem Möglichkeiten zur optischen Verjüngung und Lebensratgeber. Doch mit den eigentlichen Altersproblemen beschäftigen sie sich nicht. Die eigentlichen Ansprechpartner für die Altersforschung sind Gerontologen und Geriater.

Sie beschäftigen sich mit den Fragen: Was Altern ist und wie das Auftreten, altersbedingten Krankheiten geheilt oder bestenfalls, vermieden werden kann. Sie untersuchen auch die sozialen, körperlichen und psychischen Einschränkungen, welches das Altern mit sich bringt. Dabei behilflich sind Neurologen, Orthopäden, Psychologen, Mediziner, Ernährungswissenschaftler, Physiotherapeuten, Genetiker und Zellphysiologen.

Erfolgserlebnisse werden nicht nur von aufmerksamen Journalisten, sondern vor allem einem gewaltigen Industriekomplex, der die alternde Gesellschaft als sprudelnde Geldquelle für sich entdeckt hat, verfolgt. Profiteure der – meist – staatlichen Forschungseinrichtungen sind die Pharmaindustrie, die kosmetisch-dermatologische Industrie und die Pflege-Industrie.

Grundfrage: Was soll das Ziel der Altersforschung sein?

Diese Frage ist nicht so einfach beantwortet. Denn jeder hat andere Vorstellungen und Erwartungen, wenn es um Alterserscheinungen und altersbedingte Krankheiten geht.

Sollen Ältere geistig fit bleiben, chronischen Entzündungen geheilt oder unterbunden werden? Will man das Immunsystem unterstützen, neuronalen Alterskrankheiten heilen oder gar unterbinden? Soll der Muskelabbau gestoppt werden? Oder will man ein jüngeres Aussehen erzeugen? Hinzu kommt: Wann fängt man, an Maßnahmen zu ergreifen und wie erzielt man dauerhafte Effekte?

Ein anderer Aspekt der Altersforschung beschäftigt sich mit der Überlegung: Wie man länger leben will?

Alt und gesund, alt und später krank oder etwa Jungbrunnen-Alt? Letzteres ist der Traum vieler, egal ob Milliardär, Millionär, Wissenschaftler, Raumfahrtunternehmer oder normale Bürger.

Doch bevor Erkenntnisse der Forschung am Menschen umgesetzt werden, wird mit Fruchtfliegen, Fadenwürmer, Mäuse und Affen experimentiert. Was einerseits an ethischen Gesichtspunkten, der Lebenserwartung der Versuchsobjekte, den Haltungserfordernissen, der Möglichkeit genetischer Veränderungen, der verfügbaren Menge an Untersuchungsobjekten und den Test-Methoden liegt.

Altersbestimmung

Bevor man etwas bei verändert, muss der „Ist“-Zustand festgestellt werden und da stellt sich die Frage: Wie alt ist jemand?

Menschen haben eine Geburtsurkunde. In ihr steht schwarz auf weiß, wie alt man ist. Versuchstiere haben auch ein Geburtsdatum, das schriftlich festgehalten wurde. Dieses Datum ermöglicht eine rationale Ermittlung des Lebensalters. Nur erlaubt diese, keine Aussage darüber, wie alt man im biologischen Sinne ist.

Das biologische Alter wird häufig über die molekulargenetischen (epigenetische) Veränderungen im Zellkern bestimmt. Im Artikel „Außen straff, innen schlaff“, verwende ich das Bild, einer Bibliothek, welche den Zellkern repräsentiert. Die Gene sind Bücher aus DNA.

Bei den epigenetischen Veränderungen wird nun auf dem Buch ein „Aufkleber“ angebracht. Dabei wird die DNA an bestimmten Stellen durch Methylierungen verändert. Der Information des Buchs wird davon nicht verändert. Der Aufkleber hat eine Botschaft an den Bibliothekar. Diese kann sein: „Ließ mich mehrmals, ließ mich nie wieder oder ließ nur mich“. Das hat zur Folge, dass der Anteil der Proteine in der Zelle, welche sich aus dem Lesen des Buchs ergeben, sich verändert. Und das – hat eine Wirkung!

Das innere Ticken

Forscher messen das biologische Altern anhand von epigenetischen Uhren. Die ersten beiden Uhrmodell, welche sehr genau das biologische Alter bestimmen, stammen aus dem Jahr 2013 und 2014. Die Hannum-Uhr (2013) untersucht 71 Marker in Blutproben. Die Horvath-Uhr (2014) nutzt Methylierungsmuster aus unterschiedlichen Zelltypen. Mithilfe der PhenoAge-Uhr (2018) kann das biologische Alter des Immunsystems und des metabolischen Stresses ermittelt werden. Sie erlaubt eine klinische Vorhersage über die Lebenserwartung und den Gesundheitszustand.

Die GrimAge-Uhr (2019) geht sogar einen Schritt weiter und erlaubt sich den Todeszeitpunkt, das Auftreten von Herzerkrankungen, Diabetes Typ 2, Krebs und Demenz vorherzusagen. Dazu kommt, dass Entzündungswerte, den Abbau des Immunsystems, Gebrechlichkeit und Fitness des Patienten untersucht und bewertet werden. GrimAge betrachtet nicht nur der aktuelle Gesundheitszustand, sondern bezieht auch ein, ob man beispielsweise in der Vergangenheit geraucht hat. Sie ist die erste Uhr, welche den Lebensstil eines Menschen berücksichtigt.

Ein neueres Uhren-Modell ist die DunedinPACE (2022). Bei ihr wurde die Geschwindigkeit des Alterns über einen Zeitraum von 20 Jahren betrachtet. In wissenschaftlichen Studien wurden für die Datenerhebung zwei Gruppen gebildet. Eine Gruppe erhielt über den Zeitraum Maßnahmen, um das Altern zu beeinflussen und die andere Gruppe, eben nicht.

Forschungsergebnisse

Eine der bekanntesten Studien an Menschen wurde an Zwillingen in Finnland durchgeführt. Untersucht wurden Zwillingspaare, die zwischen 1983 und 1987 geboren wurden. Daten wurden erhoben, als die Teilnehmer 12, 14 und 17 Jahre alt waren. 824 Teilnehmern stand nachfolgend noch zwischen 21 und 25 Jahren zu Studienzwecken zu Verfügung. Und was kam raus?

Ein ungesunder Lebensstil, wie Rauch, Alkoholkonsum und geringe sportliche Betätigung in jungen Jahren führt zu einer schnelleren biologischen Alterung. Nicht überraschend, oder?

Andere Studien zeigten, dass sich eine ungesunde Umgebung in jungen Jahren ungünstig auf das biologische Altern auswirken. Und auch die Partnerwahl im erwachsenen Alter hat Einfluss auf das biologische Alter: Je ähnlicher sich die Partner auf sozialer und wirtschaftlicher Ebene waren, umso besser für ihre Lebenserwartung. Hinzu kommen noch das Ernährungsgewohnheiten, Stressbelastungen, sportliche Fitness und Schlafgewohnheiten, Auswirkungen auf das biologische Altern hat.

Doch kann man die biologische Uhr zurücksetzen?

Mit Wissen, Zeit und eigener Anstrengungen kann ein bisschen an der biologischen Uhr gedreht werden. Mit Unterstützung durch die Pharmaindustrie, Medizinern, Zellphysiologen und Genetikern geht ein bisschen mehr.

Ein vermeintliches Jungbrunnen-Medikament ist Rapamycin. Eigentlich entwickelt und eingesetzt, um die Abstoßung von Organtransplantaten zu unterbinden. Aber in unterschiedlichen Tierversuchen an Fruchtfliegen, Fadenwürmern, Ratten und Hefepilzen konnte nachgewiesen werden, das Rapamycin die Lebenszeit deutlich verlängert. Bei Menschen zeigte sich, dass Rapamycin mehrere altersspezifische Funktionsverluste verzögerte.

2014 wurde Rapamycin bei über 65-Jährigen eingesetzt. Dabei ergaben sich Hinweise darauf das Rapamycin, den Abbau des Immunsystems abschwächen könnte. 2025 konnte in einer klinischen Studie an älteren Frauen nachgewiesen werden, das Rapamycin den Muskelaufbau fördert. Verblüffend könnte man meinen, denn bei 30-jährigen und jungen Versuchstieren stoppt Rapamycin die Bildung von Muskelprotein.

Ein anderer Ansatz, der zu einer echten Verjüngung bei Versuchstieren führte, ist die Parabiose. Bei dieser wurde der Blutkreislauf einer jungen Maus mit dem Blutkreislauf einer alten Maus verbunden. Resultat: Die alte Maus lebte länger. Parallelen zu dem Lebensmodelle: Alter Partner mit deutlich jüngerem, haben bisher, wohl noch andere Gründe.

Ein anderer Forschungsansatz zielt auf den Kern des biologischen Alters: die Veränderungen auf molekulargenetischer Ebene.

Zellen durchlaufen, ähnlich wie Menschen einen Lebenszyklus. Frisch nach der Abspaltung von der Elternzelle sind sie Kinder, welche aber genau wissen, was ihre Aufgabe ist. Sie wachsen und reifen. Als junge Arbeitnehmer machen sie ihren Job und teilen sich. Dann kommt die Rentnerphase, wo ihre Aktivität langsam nachlässt, bevor sie sterben.

Doch was wäre, wenn es gelingen würde, Zellen aus der Rentner-Phase wieder zum jungen Arbeitnehmer zu machen, oder sogar zum Kind?

Ersteres gelang 2024 einer chinesischen Forschergruppe. Über eine spezielle RNA konnten Rentner-Zellen wieder in junge Arbeitnehmer-Zellen verwandelt werden.

Letzteres zeigte Shinya Yamanaka und seine Forschungsgruppe bereits 2006. Durch Einbringen spezieller Gene (Yamanaka-Faktoren) in ausgereifte Zellen konnten diese, wieder in pluripotente Stammzellen zurückversetzten werden. Ein kleiner Nachteil bei dieser Methode ist, dass diese Stammzellen so weit, verjüngt wurden, dass sie keine Erinnerung daran hatten, was sie waren oder was ihre Aufgabe ist.

Ein weiterer Nachteil dieser Methode ist auch, dass durch Einsatz aller Yamanaka-Faktoren in Tierversuchen, verstärkt Tumorgewebe gebildet wird und es zu einem erhöhten Maß an Organversagen kommt. Später zeiget sich, dass wenn nur ein Teil der Yamanaka-Faktoren eingesetzt werden und diese zu bestimmten Zeitintervalle aktiviert werden, keine Tumore gebildet wurden und es zu keinem Organversagen kam. Die alten Zellen wurden also nur ein bisschen verjüngt.

Gezeigt wurde dies, beispielsweise am Herzgewebe bei Mäusen, welches sich nach einem Herzinfarkt narbenfrei regenerierte.

Es wird interessant sein, ob die Erkenntnisse der Tier- und Zellversuche sich auf den Menschen übertragen lassen. Doch falls, ja: Wer profitiert davon? Alte und kranke Menschen, jeder oder nur monetär begüterte?

Fazit – Immer kritisch bleiben:

„Longevity“ ist das Schlagwort der Stunde, in das unterschiedliche Industriezweige, Start-ups und eine Vielzahl von Influencern viel Geld und Mühen investieren, um Kunden bei der Verlängerung ihrer Lebenszeit zu unterstützen.

Das Ticken der biologischen Uhr können viele Menschen mit einfachen Maßnahmen verlangsamen. Dazu gehören: tugendhafte Jugendjahre, eine gelungene Partnerwahl, eine optimale Versorgung an Nährstoffen, eine Umwelt mit geringer Belastung, regelmäßiger, ganzkörperlicher, sportliche Betätigung und einer optimalen Menge an Schlaf und Erholung.

Wer auf die wirklichen Profis – die über 100-jährigen – hören will: Folgt einem regelmäßigen Tagesablauf; isst, was schon immer gegessen wurde; trinkt sein Gläschen Alkohol und trifft sich mit Freunden.

Wer allerdings auf echte Jungbrunnen-Ergebnis hofft, wird sich gedulden müssen. Wissenschaftlern ist es bereits gelungen, in Zell- und Tierversuchen die Lebensspanne zu verlängern und die biologische Uhr zurückzudrehen. Allerdings lassen sich diese Ergebnisse noch nicht auf den Menschen übertragen.

Ankerpunkte:

Das biologische Alter kann über unterschiedliche epigenetische Uhren ermittelt werden. Sie erlauben eine Aussage zum jetzigen biologischen Alter, der voraussichtlichen verbleibenden Lebenszeit, dem Auftreten von Krebs, Diabetes und anderen Krankheiten. Eine Verjüngung von alten Zellen und Tieren ist bisher nur im Labor durch genetische Eingriffe gelungen.

Quelle:

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