Nierensteine sind Wiederholungstäter – die Wahrscheinlichkeit nach einer Nierenkolik, ein weiteres Mal unter den schmerzhaften Qualen zu leiden, liegt zwischen dreißig und fünfzig Prozent. Seit dreißig Jahren steigt der Anteil an Nierensteinbehandlungen in den Notaufnahmen an. Es trifft Männer, Frauen und Kinder. Genetische Ursachen sind selten der Verursacher für die kleinen Quälgeister.
Ein Trend und seine Folge
Nierensteinen sind kein Phänomen der Neuzeit. Bereits im 16. Jahrhundert wurde ein Anstieg an Nierensteinbehandlungen in der europäischen Bevölkerung dokumentiert. Auslöser für den Anstieg war eine tiefgreifende Veränderung des Lifestyles. Im 16. Jahrhundert wurde Mais in den Speiseplan der europäischen Bevölkerung eingeführt. Wer es sich leisten konnte, konsumierte mehr Mais als Getreide. Körperliche Untätigkeit und zu viel stärkehaltige Nahrung war damals und wie heute ein Treiber für den Aufbau von Fettreserven. Inzwischen ist wissenschaftlich belegt, dass Fettleibigkeit ein Risikofaktor für die Entstehung von Nierensteinen ist. Bluthochdruck und Diabetes sind weitere Faktoren.
Statt Mais, erobert seit dreißig Jahren Fast Food, kohlensäurehaltige Limonaden und hochprozessierte Nahrungsmittel den Speiseplan. Die Zusammensetzung der Nahrung hat sich geändert: Zu viel Natrium und tierisches Protein fördert die Entstehung von Nierensteinen, zu wenig Kalzium ebenso. Hinzu kommt, der Anteil an kontinuierlicher körperlicher Belastung im Alltag, nimmt seit Jahren ab. Dasselbe Problem wie im 16. Jahrhundert – nur war es damals, eine reine Luxus-Erkrankung.
Heute sind Nierensteine weltweit verbreitet. Der Anteil der Nierensteinpatienten bewegt sich in Nordamerika bei 13 %, in Europa zwischen 5-9 % und in Asien zwischen 1-5 %, Tendenz steigend. Mediziner sprechen bereits von einer systemischen Krankheit, welche die Notaufnahmen, Akkut-Zentren und Fachpraxen belasten.
Eine unangemessene Ernährungsweise, zu wenig körperliche Belastung und eine veränderte Zusammensetzung der Nährstoffe und Mineralien führt zu körperlichen Veränderungen, welche die Entstehung von Nierensteine begünstigen. Alle diese Punkte sind durch Wissen und Disziplin beeinflussbar: das sagt der Hausarzt, verdeutlicht der Facharzt, verkündet der Ernährungsberater und selbst Lifestyle-Influencer verkaufen dieses Wissen. Nur eine Sache, darauf weisen sie alle nicht: die Sache mit dem Klima!
Wer denkt schon daran?
2022 macht ein Bericht in der Fachzeitschrift Nature Reports, darauf aufmerksam, das klimatische Veränderungen durchaus einen Einfluss auf die Entstehung von Nierensteinen haben kann. Dem Autor Jason Kaufmann und seinem Team, war aufgefallen, dass innerhalb von 17 Jahren in den Notfall-Aufnahme-Zentren in South Carolina, USA, ein eindeutiges Muster auftrat: Zwei Tage nachdem es einen heißen und trockenen Tag gegeben hatte, stieg der Anteil an Nierensteinpatienten.
Trinken hilft, könnte der Laie achselzuckend sagen. Doch stimmt dies nur bedingt, denn sitzt der Stein bereits im Nierenbecken oder behindert den Abfluss des Urins durch den Harnleiter, dann kann eine Erhöhung der Flüssigkeitsmenge eher schädlich sein. Hinzu kommt, dass nur bestimmte Steine durch eine Flüssigkeitserhöhung aufgelöst werden können.
Eine urbane Legende ist auch, dass vor allem Männer unter Nierensteinen leiden. Früher stimmte dies, heute haben Frauen hier aufgeholt. Unter Nierensteinen leiden aber nicht mehr nur Erwachsenen, sondern auch Kinder.
Auslöser für die Nierensteinbildung bei Kleinkindern und Kindern kann der Konsum von kohlensäurehaltigen Limonaden sein, doch häufig ist der falsche Gebrauch von Melamingeschirr der Verursacher. Wird es zu hoch erhitzt, löst sich ein Teil des Melamins und verursacht die Bildung von Nierensteinen. Aber auch Säuglingsnahrung, welches mit Melamin verunreinigt ist, lässt Nierensteine wachsen. 2008 kam es in China zu einem medialen Aufschrei, nachdem über 50 000 Säuglinge wegen Nierensteinen klinisch behandelt werden mussten. Sechs Säuglinge starben, nach der Aufnahme von Melamin verunreinigter Säuglingsnahrung.
Qualvoller Systemfehler
Es beginnt in Wellen. Ein stechender Schmerz, der sich von der Flanke bis in den Unterbauch ausbreitet. Stöhnen, Schwitzen oder Erbrechen und alles nur, weil ein Stein den Harnleiter blockiert und der Körper reagiert: Notaufnahme, Facharzt, Nachbehandlung.
Die Niere ist ein Spezialist. Die meisten Menschen haben zwei Nieren, manche nur eine Niere, aber es gibt auch Menschen, die haben drei Nieren. Sie säubern, reabsorbieren und konzentrieren: Blutbestandteile, Giftstoffe, Wasser und rücken erst in den Fokus der Aufmerksamkeit, wenn etwas nicht stimmt.
In ihrem Aussehen gleicht die Niere grob einem Bohnenkeimling in einem frühen Keimungsstadium. Die Bohnenhaut entspricht der Rinde, dann kommt eine dicke Markschicht. Die Filtration des Bluts findet im Mark-Bereich statt, welche das Konzentrat in das Nierenbecken ableitet. Im Nierenbecken, das im Inneren des Keimlings liegt, wird der Urin gesammelt und anschießend über den Harnleiter (Keim) abgeleitet.
Nierensteine können an zwei ganz unterschiedlichen Stellen entstehen: im komplexen Mark-Bereich oder im Nierenbecken-Mark-Übergang. In beiden Fällen, reicheren sich zu viele Ionen in der wässrigen Lösung an, überschreiten sie ihre Löslichkeit oder binden sie sich an andere Substanzen, beginnt die Kristallisation. Nach und nach bilden sich immer mehr Kristalle, manche lagern sich zusammen und der Kristall wird größer, andere bilden nur einen sandähnlichen Grieß. Manche Kristalle sind klein und rund andere scharf und spitz. Egal wie groß die kristallinen Strukturen sind, sie gehen ihren Weg: vom Mark-Bereich über das Nierenbecken zum Harnleiter und dann in die Blase.
Die Kolik entsteht, wenn die Steine in den Harnleiter übergehen und nicht weiter rutschen. Ähnlich wie bei einem Steinschlag, wird der einspurige Weg blockiert. Der Körper will sich helfen, und versucht durch Muskelbewegungen den Stein weiter zu transportieren, aber gleichzeitig, drückt der neu produzierte Urin auf den Stein und eine Umleitung – gibt es nicht.
Rohrfrei
Zuerst einmal: Viel Trinken, hilft in diesem Stadium eher nicht. Denn die Niere produziert weiter Urin und damit steigt der Druck auf den Stein und damit auf den Harnleiter. Quält einen eine Nierenkolik, muss man zum Spezialisten. Die Erfahrungsbandbreite des Facharztes, die Lage des Steins oder der Steine, das Aussehen und die Größe des Steins, aber auch der Gesundheitszustand des Patienten, entscheiden über die Methodik der Steinentfernung.
Kleinere Steine werden mit der nicht-invasiven Stoßwellen-Therapie (extrakorporale Stoßwellenlithotripsie) zertrümmert. Als „steinfrei“ gilt, wenn der Arzt nach ein bis drei Monaten nach der Therapie, nur noch Steinfragmente findet, welche kleiner als vier Millimeter sind. Vorteil dieser nicht-invasiven Methode ist, dass der Patient schnell, schmerzfrei in seinen Alltag zurückkehrt.
Doch nicht jeder Patient und jede Art von Stein ist für die Stoßwellen-Therapie geeignet. Haben die Steine eine sehr hohe Dichte, scheidet diese Methode aus. Hat der Patient einen Bodymass-Index über dreißig, scheidet diese Methode auch aus – aus rein physikalischen Gründen. Denn die Stoßwellen, können bisher nur bis zu einer Tiefe von zwölf bis vierzehn Zentimeter im Körper ausgelöst werden.
Sind die Steine größer, weisen sie eine höhere Dichte auf oder hat der Patient zu viel Gewebe im Bereich der Niere, muss der Facharzt entscheiden, ob er eine Ureterorenoskopie oder eine perkutane Nephrolithotripsie durchführt.
Bei der Ureterorenoskopie wird der Nierenstein endoskopisch entfernt. Dabei wird unter Narkose das Endoskop in den Harnleiter oder die Blase eingeführt. Bestückt mit einem Ballon, um den Harnleiter zu weiten, Laser, Fangkörbchen und kleinen Polyurethanstents befreit der Arzt den Patienten von seiner Qual.
Diese Methode wird angewandt, wenn der Stein größer als zehn Millimeter ist. Die Patienten bleiben länger im Krankenhaus als bei der Stoßwellen-Therapie, doch ist der Eingriff, schnell erfolgreich erledigt.
Ist der Nierenstein größer als zwei Zentimeter oder stark verzweigt, wird minimal-invasiv gearbeitet. Bei der perkutanen Nephrolithotripsie wird unter Narkose ein Schnitt unterhalb des 12. Rippenbogens durchgeführt, bevor der Arzt sich durch Muskelmasse und Fett zur Niere vorarbeitet und den Stein des Anstoßes entfernt. Auch bei dieser Therapieform bleibt der Patient einige Zeit im Krankenhaus.
Jede der Techniken hat seine Vor- und Nachteile. Bei manchen muss mehrmals nachgearbeitet werden, bei anderen ist die Steinentfernung in einer Sitzung erfolgreich durchgeführt.
Neue Player im Kristallreich
Bisher war die Fachwelt immer davon ausgegangen, dass allein die übermäßige Konzentration von Ionen (Kalzium, Citrat, Oxalat, Phosphat, Harnsäure, Magnesium-Ammonium) oder die Aminosäure Cystein, die Hauptverursacher von Nierensteinen sind.
2026 veröffentlichte William C. Schmidt mit seinem Team von der der Harvard Universität, USA, eine Fachpublikation, in der sie nachwiesen, dass nicht-infektiöse Bakterien bei der Bildung von Nierensteinen beteiligt sind. Anders als bei Sturvit-Steinen verändern die Bakterien nicht die Biochemie des Urins, sondern sie stellen den Kalziumoxalat-Ionen eine Starthilfe für die Kristallisation zur Verfügung: ihre extrazelluläre DNA. An dieser bakteriellen DNA lagern sich die Ionen an und kristallisieren weiter aus. Bei den untersuchten Kalziumoxalat-Steinen wurden nicht nur bakterielle DNA-Fragmente gefunden, sondern ein bakterieller Biofilm, der die Steine bedeckte.
In aufwendigen Laborversuchen konnten die Wissenschaftler, die Bakterien identifizieren und kultivieren. Den größten Anteil der Biofilm-Gemeinschaft hatten Bakterien von Enterococcus faecalis, Proteus mirabilis und Staphylococcus epidermis. Bestätigen sich diese Erkenntnis in weiteren Studien, würde sich hier eine neue Möglichkeit eröffnen, die Bildung von Kalziumoxalat-Steinen zu unterbinden.
Die Entstehung von Nierensteinen ist von vielen Faktoren abhängig: Zusammensetzung der Nahrung, genetischen Defekten, Vorerkrankungen oder klimatische Faktoren. 2016 konnten Wissenschaftler aber noch einen anderen Faktor identifizieren: das Mikrobiom im Darm.
Dieses setzt sich aus unterschiedlichen Bakterienstämmen zusammen. Manche Bakterien bauen Oxalat ab, andere verhindern, das Oxalat aufgenommen wird. 75 Prozent der Nierensteine sind Oxalat-Verbindungen, weshalb dem Darm Mikrobiom, eine immer wichtigere Rolle bei der Entstehung, von Nierensteinen zugedacht wird. Aus Vergleichsstudien ist bekannt, dass sich die Darm-Bakteriengemeinschaft von Nierenstein-Patienten deutlich von Gesunden unterscheidet. Gründe dafür können unterschiedliche Nahrungs- und Lifestyle-Gewohnheiten sein, aber auch die Nutzung von Antibiotika.
2018 wurde in einer britischen Studie der Zusammenhang zwischen der oralen Gabe, von zwölf unterschiedlichen Antibiotika-Klassen und dem Auftreten von Nierensteinen untersucht. In dieser großen Vergleichsstudie mit Kindern und Erwachsenen konnte gezeigt werden, dass vor allem Kinder nach einer Antibiotika-Therapie häufiger an Nierensteinen erkrankten als Erwachsenen. Zeitlich lag zwischen der Antibiotika-Einnahme und dem Auftreten eines Nierensteins drei bis zwölf Monaten.
Fazit:
Wer nicht an Nierensteinen erkrankt, kann sich glücklich schätzen.
Die Möglichkeiten Nierensteine zu züchten, sind vielfältig – sie zu entfernen überschaubar: nicht-invasiv, endoskopisch und minimal-invasiv.
Nierensteine plagten Menschen schon im 16. Jahrhundert und früher, doch der Anteil an Nierenstein-Erkrankungen steigt seit 30 Jahren weltweit an, weshalb Mediziner bereits von einer systemischen Krankheit sprechen.
Zum Teil kann jeder selbst etwas dafür tun, nicht an Nierensteinen zu erkrankten, sei es ein angepasstes Trinkverhalten und eine persönliche Ernährungs- und Bewegungsstrategie.
Den zeitlich versetzten Nebeneffekt nach oraler Antibiotika-Therapie auf die Entstehung von Nierensteinen, sollte keine Überraschung mehr darstellen, sondern einfach als ein mögliches Risiko einkalkuliert werden.
Medikamente haben Nebenwirkungen, das weiß jeder, der einmal den Beipackzettel gelesen hat. Vielleicht gibt auch der verschreibende Arzt einen Hinweis, doch bleibt das Risiko, eine Nierenkolik zu durchleiden, einzig dem Patienten überlassen. Nachfragen nach Alternativen, schützt vor der Qual und weiteren Behandlungen, welche nichts, mit der eigentlichen Krankheit zu tun haben.
Neue Mitspieler im Nierenstein-Spiel sind Bakterien. Sie nehmen eine Doppelrolle ein: Sie sind bei der Entstehung beteiligt, andererseits können sie auch die Bildung von Nierensteinen verhindern.
Ankerpunkte:
Nierensteine sind schmerzhaft. Ihre Bildung in der Niere hat unterschiedliche Ursachen: Nahrung, Lifestyle, Klima, Fettleibigkeit, Insulin-Resistenz, orale Antibiotika-Therapie, infektiöse wie nicht-infektiöse Bakterien in den Harnleitern und der Niere und in seltenen Fällen – genetische Defekte.
Quelle:
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