Grafische Darstellung eines menschlichen Darms. Im Hintergrund ein Arzt. Gestörtes Betriebsklima im Darm.

Betriebsklima: gut, gut genug oder einfach nur krank?

Inhaltsverzeichnis

Wenn es läuft, dann läuft es – doch wenn das Betriebsklima nicht mehr stimmt, dann leidet alles: das Hirn, das Herz, die Stimmung und das Miteinander. Im Falle des Darms, aber auch die Gesundheit des Menschen. Durchfall, Blähungen, Erbrechen, Stimmungsschwankungen oder Übelkeit sind Symptome, mit denen der behandelnde Mediziner oder Heilpraktiker konfrontiert werden. Mancher Patient hat alle Symptome zusammen, andere nur eins oder drei.

Dr. Google diagnostiziert „Leaky-Gut-Syndrom“, der verantwortungsbewusste Mediziner sucht erst mal nach Krankheiten und Ursachen, die sich eindeutig im standardisierten Diagnostik-Protokoll ermitteln lassen. Doch leider gibt es bisher für die Darmstörung verursacht durch eine Erhöhung der Durchlässigkeit des Darms (Leaky Gut), keine anerkannten diagnostische Verfahren. Doch warum ist das so?

Zu viel Durchlässigkeit schadet

Der Darm ist ein kniffliges Aufgabengebiet: Zum einen ist die Darmflora bei jedem Menschen ein bisschen anders, zum anderen ist der Darm mehrere Meter lang und alle paar Zentimter ändert sich der Aufgabenbereich.

Manche Patienten welche unter einer erhöhten Durchlässigkeit des Darms leiden klagen über Bauchkrämpfe, Blähungen oder Kopfschmerzen, anderen entwicklen in der Folge eine Diabetes Typ 1, eine Leberzirrhose, Adipositas, chronische Herzerkrankungen, eine nicht-alkoholische Fettleber oder eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung.

Diabetes Typ 1 ist eine Autoimmunkrankheit, verursacht durch die Zerstörung der insulinproduzierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse. Dabei zerstört nicht ein fremder Verursacher die Betazellen, sondern die eigenen Immunzellen (T-Zellen), lösen das Massaker in der Bauspeicheldrüse aus. Früher gingen Mediziner davon aus, dass rein genetische Ursachen für diesen Amoklauf der T-Zellen verantwortlich sind. Heute sprechen sie nur noch von einer Prädisposition, wenn in der Familie schon Mitglieder an Diabetes Typ 1 erkrankt sind. Für einige Wissenschaftler kann auch eine Viruserkrankung der Auslöser sein. Andere gaben der gesteigerte Hygienehysterie bei Kindern, die Schuld an der Entstehung von Diabetes Typ 1.

Doch innerhalb der letzten 10 Jahre betrat ein neuer Auslöser das Spielfeld: das Darmmikrobiom! An speziell gezüchteten Mäusen (NOD), welche bei der Diabetes Typ 1- Forschung eingesetzt werden, konnte nachgewiesen werden, dass eine Veränderung des Darmmikrobioms, diese Krankheit auslösen kann.

Eine andere Krankheit, die heute ein weltweites Problem darstellt, ist Adipositas. Zu viel Zucker, Fett, hochverarbeitete Lebensmittel und zu wenig Bewegung verursachen die Fettleibigkeit – so die einfache Formel. Doch so einfach, lässt sich die Fettleibigkeit nicht erklären.

2015 veröffentlichte die Forschergruppe um Parth J. Parekh in einem Fachmagazin für Gastroentologen eine Studie, die zeigte, dass Fettleibigkeit entsteht, wenn die Durchlässigkeit des Darms erhöht ist. Der Nachweis wurd an genetisch veränderten Mäusen durchgeführt, die spezielle für die Adipositas-Forschung gezüchtet worden sind.

Wer unter chronischen Herzerkrankungen leidet, denken selten, dass sein Darm damit zu tun haben könnte. Doch auch hier gibt es inzwischen Hinweise das ein kranker Darm, der Auslöser dafür sein könnte. Chronische Herzerkrankungen enstehen nicht von jetzt auf gleich, sondern entwickeln sich über einen längeren Zeitraum. 2018 konnte in einer Patientenstudie nachgewiesen werden, dass sich die Zusammensetzung des Darmmikrobiom von chronisch Herzkranken deutlich von Gesunden unterscheidet. Statt einer vielfältigen Gemeinschaft, dominierten Campylobacter- und Salmonella-Bakterien gemeinsam mit Candida-Pilzen, die Patientendärme und veränderten diese nachteilig.

Bei allen drei Beispielen wurde der Darm zu Ungunsten der Patienten verändert. Doch wie, funktioniert denn ein gesunder Darm und was beeinflusst ihn negativ?

Ein Großbetrieb bei der Arbeit

Nicht unser Haut, sondern unser Darm hat die größte Kontaktfläche mit der Außenwelt. Der menschliche Darm eines Erwachsenen hat eine ungefähre Länge von fünf bis acht Meter. Er unterteilt sich in Dünn-, Dick- und Enddarm.

Unabhängig von seiner Lage schützt die Körperoberfläche den Körper vor dem Eindringen von schädlichen Substanzen, Bakterien, Viren und Pilzen. Die Gesundheit der Oberfläche und das Gleichgewicht entscheidet, ob schädliche Organismen und Substanzen in den Körper eindringen und ihn schwächen können.

Von außen betrachtet gleicht der Darm mehreren Schläuchen, welche hintereinander gesteckt wurden. Jeder Schlauchabschnitt hat seine spezifische Aufgabe. Nur ist der Darm nicht aufgerollte, wie ein ordentlich aufgeräumter Gartenschlauch, sondern er macht Kurven, hat Windungen und ist in seinem Inneren, wie ein geknüpfter Teppich, aufgefaltet. Die einzelen Schlaufen des Teppichs, Darmzotten genannt, ragen in das Darminnere. Auf der Zelloberfläche, welche in das Darminnere ragt, stülpen die Zellen nochmals kleine filigrane Ausstülpungen, Mikrovilli genannt, aus.

Zieht man nun alle Windungen, Falten und Ausstülpunen straff, hätte man eine 32 m² große Fläche. Die Körperoberfläche des menschlichen Körpers liegt hingegen im einstelligen Bereich!

Der Darm ist ein Großbetrieb. Er nimmt unterschiedliche Waren an, unterschiedlichste Mitarbeiter verarbeiten diese und produzieren vielfältigeste Prozess, Zwischen- und Endprodukte. Abfallprodukte werden kompakt gepresst und an der Müllabgabestelle entsorgt.

Seine eigentliche Aufgabe ist es Nährstoffe und Flüssigkeiten gezielt, aus dem Darminnenraum aufzunehmen, die nichtverwertbaren Stoffe zu konzentriert und auszuscheiden. Und dabei gleichzeitig verhindern, dass schädliche Substanzen, Bakterien, Viren, Pilze in den Körper eindringen und ihn krank machen.

Damit dies gelingt, braucht es ein vielschichtiges Zusammenspiel in einer einzigartigen anatomischen Umgebung. Im Darmquerschnitt sieht man vier Bereiche: in der Mitte der ursprüngliche Mageninhalt, danach die Darmbarriere, anschließend die Muskusschicht und abschließend, das Darmepithel mit seinen Darmzotten, welche die in die Muskusschicht hineinragen.

Bevor der Mageninhalt in den Dünndarm übertritt, wurde er schon einmal vorderdaut und hat die erste Stufe der Säuberung durchlaufen. Der niedrige pH-Wert im Magen (pH 1) tötet die ersten Bakterien und Pilze ab. Beim weiteren Übergang in den Dünndarm wird der pH-Wert, durch die Gallenflüssigkeit und durch das Bauspeichdrüsensekret von sehr sauer (pH 1) auf fast neutral (pH 7,5) umgepuffert. Was der zweiten Stufe der Säuberung dient. Der schnelle pH-Wert- Wechsel ist für viele Bakterien tödlich. Dennoch gibt es immer spezialisierte Überlebende, gegen die sich der Darm schützt.

Die erste Grenzschicht stellt die Darmbarriere dar. Hier bildet das Darmmikrobiom eine vielfältige Gemeinschaft aus über 250 Arten von Bakterien, Viren, Pilzen und Archaeen. Diese helfen nicht nur den Speisebrei zu verwerten, sondern sie bielden die erste Barriere für schädliche Bakterien und Pilze.

Das Darmmikrobiom ist eine sehr persönliche Angelegenheit: Seine Zusammensetzung ist bei jedem einzigartig und wandelt sich im Laufe des Lebens. Bei einem gesunden Menschen findet man hautpsächlich fünf Bakterienstämme, wobei die Bacillota (früher Firmicutes) 60 bis 80 Prozent und die Bacteriodota 20 bis 40 Prozent ausmachen. Daneben gibt es noch die Verrucomicrobiota, die Actinobacteria, Pseudomonadata und die Methanobacteriota (Archaeen).

Diese Mitglieder des Darmmikrobioms spalten, fermentieren und bilden die unterschiedlichsten Substanzen: Enzyme, die Polysaccheride spalten oder Kurzkettige Fettsäuren bilden, aber auch Vitamine-K und -B, Folsäure, Biotin und wichtige antimikrobielle Substanzen produzieren. Des Weiteren baut diese Gemeinschaft Xenobiotika, wie Medikamente, Konservierungsstoffe oder Geschmacksverstärker, ab.

Mediziner sehen das Darmmikrobiom inzwischen auch als ein endokrines Organ an und sprechen von einer „Darm-Hirn-Achse“. Warum? Weil die Produkte des Darmmikrobioms Einfluss auf das Sätttigungsgefühl, die Hormonregulation und auf das Verhalten haben.

An das Darmmikrobiom schließt sich die Muskusschicht an. Diese besteht aus zwei Schleimschichten, welche zu 98 Prozent aus Wasser und Glykoproteinen bestehen. Diese Schleimschicht ist das „Gleitmittel“ für den Darminhalt und Teilen des Darmmikrobioms.

Die erste Schicht, direkt unter dem Mikrobiom, ist dick und locker in ihrem Aufbau. In ihr tummeln sich hauptsächlich Bifidium- Bakterien, welche sich von den Glykoproteinen der Schleimschicht ernähren. Bifidiumbakterien sind wichtig, da ihre ausgeschiedenen Produkte einen positiven Einfluss auf das Immunsystem und das Darmephitel haben.

Die zweite Schicht ist dünner und fester. Der Anteil an Bakterien ist sehr viel geringer als in der vorherigen Schicht. Sie stellt eine chemische Grenze dar und verhindert mit ihrem hohen Anteil an antibaktierellen Substanzen, dass pathogene Bakterien bis zum Darmepithel vordringen können.

Die Darmephitelschicht ist die eigentliche zelluläre Schicht, die wie ein gefalterter Teppich mit seinen einzelnen Schlaufen den Darm auskleiden. Sie ist eine physikalische Grenze und stellt die letzte Grenze zwischen den aufgenommen schädlichen Substanzen und Organismen aus der Außenwelt und dem Inneren, des Menschen, dar.

Der zelluläre Aufbau ist sehr vielfältig. Es gibt Zellen – Enterozyten -, welche für die Aufnahme von Nährstoffen, Ionen und hydrophilen Substanzen zuständig sind. Andere Zellen: Becher-, Enteroendokrine- , Paneth- und M-Zellen) sondern Stoffe ab, welche sekretorische, immunologische oder hormonelle Aufgaben haben. Gebildet werden all diese unterschiedlichen Zelltypen, von Stammzellen, welche am Boden jeder Zotte (Teppichschlaufe) sitzen.

Alle Nährstoffe, Ionen und Moleküle müssen durch diese Schichten hindurch, damit sie im Blutkreislauf zu ihren Verbrauchsstellen transportiert werden können. Die Zellen des Darmepithels sind undurchlässig für Wasser. Nur durch ganz spezielle Transportwege können Moleküle, Ionen, Nährstoffe, hydrophile Substanzen über das Darmepithels aufgenommen und in das anschließende Blut- und Lymphsystem abgegeben werden.

Je nach chemischer und physikalischer Natur der Substanzen werden sie entweder über das transzelluläres System (Nährstoffe) durch die Enterozytenzelle hindurchgeschleust, über Transport-Aufnahme-Systeme durch die Zellen transportiert oder über das parazelluläre System (Ionen, hydrophile Moleküle) zwischen zwei Enterozytenzellen vorbeigeleitet.

Die Enterozytenzellen sind die äußere Zellschicht auf dem Darmepithel und ragen mit ihren Mikrovilli (Fingerchen) in die Muskusschicht hinein.

Diese Zellschicht ist wie ein Zaun aufgebaut. Die einzelnen Zellen des Zauns sind miteinander durch drei Stabilisatorensysteme verbunden. Direkt unterhalb der Mikrovilli-Zone stabiliesieren die Tight Junctions den Zell-Zell-Zaun. Die zweite Stabilisierung erfolgt durch die Adherens Junctions und die Letzten sind die Desmosomen.

Doch diese Stabilisatoren dienen nicht nur als Verbindungselemente zwischen den Zellen, sondern sie stellen auch eine Diffusionsbarriere dar. Ähnlich einem Schleusensystem lassen sie Ionen und hydrophilen Moleküle zu den Blut- und Lymphgefäßen durch (parazellulärer Transportweg). Dies zu verstehen, ist wichtig, da bei einer krankhaften veränderten Durchlässigkeit genau dieser Transportweg beschädigt ist.

Auf das Betriebsklima kommt es an

Der gesunde Darm hat eine vielfältige Gemeinschaft an Bakterien, Pilzen, Viren und Archaeen, wovon die Bakterien die meisten Mitglieder stellen. Diese Gemeinschaft ist die „Belegschaft“ des Darms. Bei einem Gesunden arbeiten die einzelnen Mitglieder zusammen und sorgen dafür, dass das Gleichgewicht wie die Gesundheit des Darms erhalten bleibt und der Chef ernährt wird.

Manchmal nimmt die Vielfältigkeit der bakteriellen Belegschaft ab und Stämme, die vorher, eher eine Minderheit waren, erlangen einen größeren Einfluss auf die Gemeinschaft. Wo vorher beispielsweise Clostridia, Bacilli und Flaveobakteria gut zusammenarbeiteten, vermehren sich – durch äußere Ursachen verschuldet – zum Beispiel Proteobakterien.

Proteobakterien produzieren Lipopolysaccheride, welche durch die Zytokine des Immunsystems abgebaut werden. Ist die Produktion an Lipopolysaccheriden gering, entsteht kein Schaden. Steigt die Produktion aber, werden die Zytokine so stark hochreguliert, dass das Darmgleichgewicht kippt und es zu chronischen Entzündungen kommt.

Wenn hingegen gute Bakterien dezimiert werden, fehlen deren bakteriellen Produkte. So führt eine Dezimierung der Bifidiobakterien aus der Muskussschicht zu einer veringert Stabilität der Tight Junctions. Dies verändert die Durchlässigkeit des Darmepithels und Substanzen, die vorher nicht über den parazelullären Transportweg in die Blut- oder Lymphgefäße geschleust wurden, kommen durch und stören die Betriebsabläufe im Körper. Akute bis chronischen Entzündungen im Darm und in der Leber können die Folgen sein.

Faktoren für den Zusammenbruch des Betriebsklima

Das Betriebsklima im Darm ist jeden Tag neuen Angriffen durch schädliche Bakterien, Pilze, Viren, Protozoen oder Parasiten ausgesetzt. Doch nicht nur diese natürlichen Feinde können den Darm schädigen, sondern verändern auch Medikamente, wie Antibiotika oder Krebstherapeutika, das Darmgefüge nachteilig. Ungesunder Stress, dauerhafter Schlafmangel und zu kurze Erholungsphase steueren auch ihren Teil bei, damit der Darm leidet.

Das täglicher Alkoholkonsum nicht mehr als gesundheitförderlich angesehen wird, ist längst überfällig. Alkohol wird erst in der Leber abgebaut, davor: tötet er in der Mundschleimhaut und im Darm Bakterien – die guten, wie die schlechten.

Der westliche Lebensstil und die westliche Diät bestehend aus einem Übermaß an Fetten, Zucker und Salzen und mangelnder Bewegung bringen den Darm auch aus seinem Gleichgewicht.

Doch es gibt auch andere Faktoren: hochprozessierte Nahrung, Emulgatoren und Bestandteile von Geschirrspülmittel, die Einfluss nehmen.

Hochprozessierte Nahrung ist eine Meisterleistung der chemischen Lebensmittelingenieure. Sie bieten dem Konsumenten eindrucksvolle Geschmackserlebnisse und gelungene Kocherfolge für einen einmaligen Preis. Bevor die chemischen Wunderwerke in den Umlauf kommen, werden sie getestet und müssen nachweisen, dass sie unbedenklich für den Konsumenten sind. Dennoch gibt es immer mehr Studien, die nachweisen, das hochprozessierte Nahrungsmittel für den Menschen schädlich sind.

Die Industrie kontert dies mit Gegenstudie und am Ende muss der Konsument selbst entscheiden, was gut für ihn ist: Schnelle Nahrung, die schmeckt, satt macht, kostengünstig ist und unaufwendig zu konsumieren oder mehrere Rohprodukte zu verarbeiten, welche vermutlich teuere sind, Qualitätsschwankungen aufweisen und deren Verarbeitung einem Lernprozess unterliegt. Diese Rohprodukte haben allerdings einen entscheidenden Vorteil: Unser Mikrobiom ist auf sie spezialisert. Eine Karotte ist eben eine Karotte, auch wenn sie heute süßer ist, und weniger Fraßschutz enthält als vor 10 000 Jahren. Selbst mit dem chemische Profil einer Kartoffeln hat der westeuröpäische Darm keine Problem, auch wenn dieses natürliche Rohprodukt erst seit circa 300 Jahren in den europäischen Ackerbau eingeführt wurde.

Lebensmittel-Allergien oder -Unverträglichkeiten, sind lästig, und für manchen Menschen tödlich. Als ein Verursacher vermuten Wissenschaftler Emulgatoren (Polysorbat 20 und 80), welche das Darmgleichgewicht in der Darmepithelschicht negativ beeinträchtigen sollen. Auch die negative Wirkung von Carrageenan auf das Darmepithels, wird heiß zwischen Wissenschaftlern, Zulassungsbehörden und der Industrie diskutiert.

Ein andere Aspekt wurde 2022 veröffentlicht, ohne dass er große Wellen geschlagen hätte: Industriell genutztes Geschirrspülmittel beschädigt das Darmgleichgewicht. Wer nun an den Spülmittelanteil denkt, liegt falsch! Das eigentliche Spülmittel, das das Geschirr von Fetten, Kohlenhydraten, Proteine und Ballastoffen reinigen soll, wird in dem Spülvorgang abgewaschen. Das Mittel, was danach eingesetzt wird, damit das Geschirr trocken und fleckenfrei aus dem Geschirrspüler kommt, beschädigt selbst in den geringen Mengen, welchem dem Geschirr noch anheften: das Darmepithel. In spezifischen Zellkulturen konnte nachgewiesen werden, dass selbst bei sehr hohen Verdünnungen die Genexpression, der Zytokin-Signalweg und der Stoffwechsel der Zellen verändert wird.

Prävention und Aktion

Ausgewogen ernähren, selbst kochen und ausreichend Bewegung sind die Worthülsen, die immer genannt werden, wenn es um die allgemeine Gesundheit geht. Und da der Darm einen sehr großen Anteil an der menschlichen Gesundheit hat, müsste man so leben, dass es den Mitarbeiten (Baktieren, Pilzen, Viren, Archaeen) gut geht. Statt leckerer Glukose im Übermaß, mehr Fruktane und Galaktane, sprich mehr Gemüse, weniger Weizen und Mais. Wissenschaftler raten auch den Anteil an, Probiotika aus fermentierten Lebensmitteln zu erhöhen, hochprozessierten Lebensmittel zu meinden und regelmäßiger Sport zu treiben.

Alles keine neuen Erkenntnisse.

Doch die Industrie hat auch hier eine Marktlücke entdeckt, wenn sich die Konsumenten von hochprozessierten Lebensmitteln abwenden will, verkauft man einfach industriell hergestellte Probiotika – fettfrei, glutenfrei aber mit viel Glukose – oder fermentierte Lebensmittel, welche nach der industriellen Fermentation pasteurisiert worden sind.

Der Prozess des „Darmsanierens“ vollzieht sich nicht von heute auf morgen. Es reicht auch keine vierwöchige Kur, sondern die Pflege und Aufrechterhaltung des guten Betriebsklimas ist eine lebenslanger Selbstfürsorge.

Wenn das Darmmikrobiom, durch Medikamententherapien, Diätenwahnsinn oder schlechten Lebensstil so zerstört wurde, das ein zurück zu einem gesunden Darm nicht mehr möglich ist, gibt es inzwischen auch eine Lösung: die Stuhltransplantation. Dabei wird Stuhl eines gesunden Spenders, in den Kranken übertragen und der Darm neu besiedelt.

Fazit:

Die Erkenntnis das ein nachteilig gestörtes Betreibsklima im Darm, Auslöser ist für die unterschiedlichsten Krankheiten, setzt sich in der wissenschaftlichen Welt immer mehr durch. Mediziner stehen allerdings vor dem Problem, das es bisher keine standardisierten Protokolle gibt, dies auch einwandfrei nachzuweisen. Der von medizinischen Laien geprägte Begriff „Leaky Gut-Syndrom“, mag zwar sehr einprägsam sein, doch die Gründe für eine erhöhte Durchlässigkeit sind vielfältig: verändertes Mikrobiom, Stoffwechselveränderungen im Mikrobiom, Entzündungsreaktionen, Veränderungen in der Muskusschicht oder weniger Stabilisatoren in den Zellwände der Enterozytenzellen. Die Substanzen, welche plötzlich unkontrolliert über das Darmepithel in die Blut- und Lymphgefäße gelangen, lösen vielschichtig Krankheitsverläufe aus.

Da das Mikrobiom ist bei jedem Menschen einzigartig und die Zusammensetzung der Gemeinschaft natürlichen Schwankungen je nach Gesundheitszustand, Lebensweise und Lebensphase unterliegt, sind Therapie-Ansätze für jeden Kranken sehr individuell. Ebenso wie die Gründe für die krankhafte Veränderungen: Medikamteneinnahme, Alkoholkonsum, zu viele hochprozessierte Lebensmittel im Speiselplan oder auch zu viele unterschiedliche Diäten. Hinzu kommen bei den vielen Betroffenen aber auch ungesunder Stress, geringe sportliche Betätigung oder Schlafmangel.

An manchen Stellschrauben ist es sicherlich möglich, Veränderungen durchzuführen. Sein Essverhalten kann man ändern, genauso wie seinen Lebensstil, doch manche Faktoren, welche zu Dauerstress führen kann, man nicht einfach aus seinem Leben verbannen.

Ankerpunkte:

Einige Krankheiten haben ihren Ursprung nicht da, wo der Laie es vermutet: chronische Herzerkrankungen, nicht-alkoholische Fettleber, Fettleibigkeit, Diabetes Typ 1 oder chronische Entzündungen. Der Darm ist bei all diesen Krankheiten aktiv beteiligt. Ist das gesunde Gleichgewicht und die Gemeinschaft des Darmmikrobioms geschädigt, hat das Folgen: für die Muskusschicht, das Immunsystem und für die Durchlässigkeit der Enterozytenzellen des Darmepithels.

Durchfall, Blähungen, Kopfweh, Übelkeit, Stimmungsschwankungen machen sich als Soforteffekte bemerkbar. Kurzfristig tolerierbar, langfristig gesundheitlich schädlich. Die vielfältige Darmgemeinschaft arbeitet fein abgestimmt zusammen, damit schädliche Bakterien und Pilze nicht überhandnehmen. Zum Teil hat jeder, es selbst in der Hand wie er seine Mitbewohner behandelt: das richtige Essen, genügend Bewegung und die Vermeidung eines ungesunden Lebensstils. Medikamente, zu viel Fette, Zucker, Alkohol, Emulgatoren oder Geschirrspül-Hilfsmittel stören den Darm. Ist das Betriebsklima gestört, bedarf es ausgesprochener Selbstfürsorge: Prä- und Probiotika, wenige Dauerstress und ausreichend Sport ist laut Wissenschaftlern nötig, damit es dem inneren Großbetrieb und seiner Belegschaft wieder besser geht.

Quellen:

Parekh PJ, Balart LA, Johnson DA. The Influence of the Gut Microbiome on Obesity, Metabolic Syndrome and Gastrointestinal Disease. Clin Transl Gastroenterol. 2015 Jun 18;6(6):e91. doi: 10.1038/ctg.2015.16. PMID: 26087059; PMCID: PMC4816244.

– Usuda H, Okamoto T, Wada K. Leaky Gut: Effect of Dietary Fiber and Fats on Microbiome and Intestinal Barrier. Int J Mol Sci. 2021 Jul 16;22(14):7613. doi: 10.3390/ijms22147613. PMID: 34299233; PMCID: PMC8305009.

– Ismail Ogulur, Yagiz Pat, Tamer Aydin, Duygu Yazici, Beate Rückert, Yaqi Peng, Juno Kim, Urszula Radzikowska, Patrick Westermann, Milena Sokolowska, Raja Dhir, Mubeccel Akdis, Kari Nadeau, Cezmi A. Akdis,
Gut epithelial barrier damage caused by dishwasher detergents and rinse aids,
Journal of Allergy and Clinical Immunology, Volume 151, Issue 2, 2023, Pages 469-484, ISSN 0091-6749, https://doi.org/10.1016/j.jaci.2022.10.020.

-Christovich A, Luo XM. Gut Microbiota, Leaky Gut, and Autoimmune Diseases. Front Immunol. 2022 Jun 27;13:946248. doi: 10.3389/fimmu.2022.946248. PMID: 35833129; PMCID: PMC9271567.

– Aleman RS, Moncada M, Aryana KJ. Leaky Gut and the Ingredients That Help Treat It: A Review. Molecules. 2023 Jan 7;28(2):619. doi: 10.3390/molecules28020619. PMID: 36677677; PMCID: PMC9862683.

– Kimilu N, Gładyś-Cieszyńska K, Pieszko M, Mańkowska-Wierzbicka D, Folwarski M. Carrageenan in the Diet: Friend or Foe for Inflammatory Bowel Disease? Nutrients. 2024 Jun 6;16(11):1780. doi: 10.3390/nu16111780. PMID: 38892712; PMCID: PMC11174395.

-Poto R, Fusco W, Rinninella E, Cintoni M, Kaitsas F, Raoul P, Caruso C, Mele MC, Varricchi G, Gasbarrini A, Cammarota G, Ianiro G. The Role of Gut Microbiota and Leaky Gut in the Pathogenesis of Food Allergy. Nutrients. 2023 Dec 27;16(1):92. doi: 10.3390/nu16010092. PMID: 38201921; PMCID: PMC10780391.

-Di Vincenzo F, Del Gaudio A, Petito V, Lopetuso LR, Scaldaferri F. Gut microbiota, intestinal permeability, and systemic inflammation: a narrative review. Intern Emerg Med. 2024 Mar;19(2):275-293. doi: 10.1007/s11739-023-03374-w. Epub 2023 Jul 28. PMID: 37505311; PMCID: PMC10954893.

– Lacy BE, Wise JL, Cangemi DJ. Leaky Gut Syndrome: Myths and Management. Gastroenterol Hepatol (N Y). 2024 Aug;20(5):264-272. PMID: 39193076; PMCID: PMC11345991.

– Chae YR, Lee YR, Kim YS, Park HY. Diet-Induced Gut Dysbiosis and Leaky Gut Syndrome. J Microbiol Biotechnol. 2024 Apr 28;34(4):747-756. doi: 10.4014/jmb.2312.12031. Epub 2024 Feb 1. PMID: 38321650; PMCID: PMC11091682.

Senden an
Drucken

Fragen?

Anregungen?

Einfach per mail an:

kontakt@eulalo.com

Weitere Beiträge