Endometriose- eine Blackbox? Wie man eine Endometriose durchlebt: eine ruhige, häusliche Schreibtischszene mit einem Glas Wasser, Tabletten bzw. einer Tablettenpackung,einer sichtbaren, anonymisierten Krankschreibung, und einer Wärmflasche. Schreibtisch-Ausschnitt mit warmer, gedämpfter Beleuchtung und einer Atmosphäre von Ruhe und Erholung. Die Formulare enthalten keine lesbaren persönlichen Daten oder Marken.

Endometriose – eine Blackbox?

Inhaltsverzeichnis




Endometriose ist eine Krankheit, die viele betrifft: Frauen, Männer und letztendlich, auch Arbeitgeber. Jeden Monatszyklus durchleben Betroffene höllische Qualen: starker Übelkeit, schmerzhaften Menstruationsbeschwerden, starke Blutungen. Hinzu kommen sexuelle Funktionsstörungen oder Unfruchtbarkeit. Doch auch zyklisch auftretender Brustschmerz, blutiger Husten oder ein Pneumothorax, der 72 Stunden vor oder nach der Blutung auftritt, können Auswirkungen einer Endometriose sein.

Aufgrund des vermeintlich rein frauentypischen Themas und der vielfältigen Krankheitsausprägungen wurden die Betroffenen – bis vor wenigen Jahren – von ihrer sozialen Umgebung einfach als verrückt, wehleidig oder arbeitsscheu gebrandmarkt.

Mediziner bezeichneten sie gerne als hysterisch oder hypochondrisch. So gedisst, entwickelten manche, der Betroffenen, Depression und Angststörungen. Beziehungen wurden, auf eine harte Probe gestellt oder zerbrachen.

Ist Endometriose eine neue Krankheit?

Wo Unwissenheit verbreitet war, setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass Endometriose eine ernst zu nehmende Krankheit ist. Ärzte vor 40 Jahren kannten keine Endometriose, denn sie war schlicht in der medizinischen Fachliteratur nicht vorhanden.

Heute wissen Gynäkologen, Hausärzte und Heilpraktiker, dass Endometriose eine Krankheit ist, die vielfältige Leidensformen hat. Diese Erkenntnis ist nicht neu, sondern wird nur als neu vermarktet! Bereits 1690 beschrieb der deutsche Arzt Daniel Shroen in seinem Buch “Disputatio Inauguralis Medica de Ulceribus Ulceri“ detailreich die peritonale Endometriose. Im 18. Jahrhundert gab es bereits 11 Studien zur Nicht-Ovarialen-Endometriose, welche in Schottland, England, Holland und Deutschland durchgeführt wurden. Bemerkenswert ist, dass kein Arzt in den damaligen Veröffentlichungen behauptete, dass er eine neue Krankheit gefunden hatte. Tatsächlich wurde sie als weit verbreitet angesehen. Die Ärzte vor 300 Jahren bedauerten sogar die Frauen, welche darunter litten!

„Funfacts“

In einer Sache sind sich die Mediziner und Biowissenschaftler einig: Endometriose ist eine östrogenabhängige Krankheit. Weltweit erkrankten ungefähr zehn Prozent der gebärfähigen Frauen an einer Endometriose. Das entspricht 176 Millionen Frauen.

Bei der Endometriose handelt sich um eine Fehleinnistung von östrogenabhängigen Zellverbänden aus der Gebärmutterschleimhaut und dem Drüsengewebe. Manche niesten sich an den Eierstöcken ein, andere am Beckenboden, der Blase, am Enddarm, dem Zwerg-, Rippen- und Lungenfell oder dem Herzbeutelgewebe. Die Endometrialzellen können sich oberflächlich bis ganz tief, in das neue Gewebe einnisten.

Die Beschwerden sind vielfältig: Menstruationsbeschwerden; sexuelle Funktionsstörungen; schmerzhafte Harnwegsstörungen; Störungen bei der Stuhlentleerung oder Blutungen, wo keine sein sollten. Hinzu kommen chronische Entzündungsreaktionen und einer Leistungsveränderung im Immunsystem.

Doch nicht nur die vielschichtigen Ausprägungen stellen Forscher vor eine Herausforderung, sondern auch die Tatsache, dass man keine Gebärmutter braucht, um an einer Endometriose zu erkranken! Frauen, bei denen keine Gebärmutter angelegt wurde, können ebenso an einer Endometriose erkranken wie Männer. Bisher wurden in der wissenschaftlichen Literatur 17 Fälle einer Endometriose bei Männern beschrieben. Statistisch vernachlässigbar könnte man meinen. Vielleicht ist die Dunkelziffer höher, denn Männer gehen seltener zum Arzt und die Diagnose „Endometriose beim Mann“, ist einfach zu selten beschrieben.

Ursachen der Endometriose oder einfach mal Ideen sammeln

Nachdem Endometriose vor ungefähr 30 Jahren wieder den Sprung in die wissenschaftliche Gemeinde geschafft hatte, machten sich die unterschiedlichsten Wissenschaftsrichtungen Gedanken über das Warum und Wie.

Die eine wissenschaftliche Gruppe sieht Ursprünge der Endometriose auf der Stufe der Embryonalentwicklung. Dabei kommt es zu einer Fehllokalisation der Stamm-, Vorläufer- oder ganz frühe Embryonalzellen im Embryo. Diese Zellen nisten sich an den falschen Geweben ein, bilden sich weiter und reagieren, später, auf die hormonellen Impulse. Dies findet so früh statt, dass noch nicht klar ist, ob der Embryo sich letztlich zu einem Mann oder einer Frau entwickelt. Es wäre eine Erklärung, warum auch Männer an einer Endometriose erkrankten können, doch bisher gibt es keine klaren Erkenntisse, die dies belegen.

Andere Forschergruppen vertreten die Idee, dass sich die Endometrialzellen erst sehr viel später aus der Gebärmutter lösen und im Körper verteilen. Eine Möglichkeit ist, dass sich die Zellen lösen und über die Lymph- und Blutgefäße im Körper verteilen. Eine andere, das bei Operationen im Bereich der Gebärmutter, Zellen abgelöst werden und in der Bauchhöhle neu ansiedeln. Die populärste Idee ist: die retrograde Menstruation. Dabei werden die Endometrialenzellen aus der Gebärmutter den Eilter „hochgespült“ und bei dem Übergang, zwischen Eileiter und Eilerstöcken, treten sie in die Bauchhöhle aus.

Die letzte Fraktion der Endometrioseforscher vertritt die Auffassung, das genetische und umwelttechnische Faktoren die Endometriose verursachen. Für die genetische Idee spricht, dass viele Betroffene familiär miteinander verbunden sind und Genabschnitte identifiziert wurden, welche mit der Endometriose-Erkrankung in Zusammenhang gebracht werden.

Bisher konnte keine Seite eindeutig für sich entscheiden, wer nun eigentlich recht hat. Hinzu kommt, dass immer neue Zusammenhänge entdeckt werden: hormonwirkenden Umweltchemikalien wie Bisphenol A; die geschlechtsanpassende Hormontherapien bei Männern oder das Bakterien eine Rolle spielen.

Mikrobiom und Endometriose

Der Mensch ist Siedlungsgebiet für Bakterien: Haut, Mund, Nase, Mundhöhle, Darm, Vaginalbereich und auch – das ist neu – in der Gebärmutterhöhle.

Je nach Lebensstil, Alter, Geschlecht, Umwelteinflüssen, Medikamenteneinnahme oder Zyklusphase ändert sich die Zusammensetzung des Mikrobioms in den einzelnen Siedlungsgebieten. So leben bei gesunden Frauen im Vaginalbereich vornehmlich Vertreter der Laktobazillen. Diese findet man auch in der Gebärmutter, allerdings in einer geringeren Dichte. Bei Frauen mit Endometriose hingegen stellen die Vertreter von Peptococcaceae (früher Anaerococcus), Frimucutes, Actinobacteria, Atopobium, Bacteroides und Gardnerella die Mehrheit. Allerdings ist die Datenlage zu diesem Befund noch sehr dünn, da es nicht einfach ist, eindeutige Proben zu nehmen und auch, der Schweregrad der Endometriose, scheint einen Einfluss auf die Zusammensetzung des Mikrobioms zu haben.

Problematisch für Wissenschaftler ist auch die Tatsache, dass die einzelnen Bereiche des Körpers nicht unabhängig voneinander agieren. Östrogen wird über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt. Östrogen sorgt dafür, das Frauen empfängnisbereit werden. Im Darm beeinflusst es die Immunreaktionen in der Schleimschicht, die chemischen und physikalische Eigenschaft der Schleimhaut (siehe https://eulalo.com/betriebsklima-gut-gut-genug-oder-einfach-nur-krank/).

Nebenbei spielt es auch eine Rolle bei der Beweglichkeit des Darms und der Durchlässigkeit der Epithelschicht.

Normalerweise bauen Leberenzyme Östrogen im Körper ab. Doch gibt es im Darm Bakterien, die aus den Abbaustufen wieder Östrogen herstellen können, welches wieder in die Blutbahn abgegeben wird. Wissenschaftler sprechen hier von einem Estrobolom, das einfach zusätzlich, ohne körpereigene Kontrollmechanismen Östrogen produziert.

Zu viel Östrogen lockert den Zusammenhalt der Zellen der Epithelschicht des Darms. Der Gehalt an entzündlichen Substanzen, welche in die Lymph- und Blutgefäße abgeben wird, steigt und führt zu einer gesteigerten Aktivität des Immunsystems. In der Gebärmutter lösen sich bei einem zu hohen Östrogengehalt, vermehrt Zellen aus der Schleimschicht und dem Drüsengewebe, welche sich dann neu lokalisieren und Endometrioseherde bilden.

Die östrogenabhängigen Endometrialzellen und das Estrobolom beeinflussen sich gegenseitig, was die Heilung beziehungsweise Bekämpfung der Endometriose nicht einfacher macht.

Der Forschungsbereich, welche den Zusammenhang zwischen Mikrobiom und Endometriose untersucht ist relativ jung. 2002 gab es die ersten Hinweise auf diesen Zusammenhang bei Rhesusaffen. In der wissenschaftlichen Literaturdatenbank PubMed® (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/) sind bis dato erst 273 Veröffentlichungen registriert, wovon die meisten erst ab 2023 veröffentlicht wurde.

Diagnose und Behandlung

Bis eine Endometriose diagnostiziert wird, vergehen im Schnitt sechs bis sieben Jahre!

Klassisch: Erst nach einer ärtzlichen Odyssee und langer Leidenszeit, wird bei einer Bauchspiegelung (Laparoskopie) mit anschließendem histologischer Auswertung die Diagnose erstellt und dann?

Die bisherigen Behandlungsstrategien setzt bisher auf Minderung des Leidens mit Hormonhemmern und Schmerzmitteln. Radikal aber manchmal nicht vermeidbar, ist die Entfernung der Endometrioseherde, um den Patientinnen eine normale Teilhabe am Leben, zu ermöglichen.

Dank der jüngsten Forschungsergebnisse könnte den Betroffenen schneller geholfen werden. Zwar bewerten Ärzte und Krankenkassen die inzwischen angebotenen Testkits noch kritisch, doch wäre es auch im praktischen Alltag einfacher, über eine Blutprobe oder einen Abstrich eine Endomteriose zu diagnostizieren, als endlose Anamesegespräche oder Operationen durchführen zu müssen.

Die auf dem Markt erhätlichen Testkits setzen auf spezifische bakterielle DNA und RNA-Fragmente oder Immunomarker. Diese sollen nur anwesend sein, wenn das Mikrobiom sich zu einem endometriosetypischen Mikrobiom verändert hat oder das Immunsystem durch eine bestehende Endometriose stimuliert ist.

Ein neuer Behandlungssatz zielt darauf ab, die dynamischen Wechselwirkungen zwischem dem Estrobolom und den Endometrialzellen zu reduzieren. Der Einsatz von Pro- und Postbiotika soll helfen, das Mikrobiom im Darm wie Vaginalbereich so zu verändern, dass weniger entzündliche Stoffe abgeben werden, der Zellzusammenhalt gestärkt wird und das Immunsystem die Möglichkeit bekommt, wieder in einen besseren Zustand zurückzufinden.

Dies wäre ein DIY-Ansatz für Betroffene, kostengünstig für die Krankenkassen und umweltschonend, da weniger Medikamente und ihre Abbaustufen in die Abwässer entlassen werden würden. Biohacking mit Mehrwert!

Fazit:

Reicht die Erkenntnis, dass man eine Endometriose hat? Nein, aber vielleicht ist die Gewissheit für die Betroffenen eine Erleichterung. Dank der informierenden Medienkampagnen verändert sich langsam auch die Akzeptanz für dieses Krankheitsbild. Doch Heilung ist bisher nicht in Sicht und für die eindeutige frühzeitige Diagnose gibt es bisher kein anerkanntes, standardisiertes Verfahren. Das die eigentlich Ursache für die Entstehung der Endomteriose immer noch ungeklärt ist, spricht für die Komplexität dieser Krankheit. Vielleicht braucht es das Zusammenspiel aller drei Systeme: Embryonalentwicklung, Genetik und Mikrobiom, oder nur von zweien. Weitere Forschungen werden folgen, und vielleicht wird Endometriose in zehn Jahren keine Blackbox mehr sein.

Ankerpunkte:

Endometriose ist eine vielschichtige Krankheit. Bisher ist unbekannt, wie sie genau entsteht: auf der Ebene der Embryonalentwicklung, Genetisch, in Abhängigkeit von Umweltchemikalien oder durch ein verändertes Mikrobiom.

Betroffenen leiden unter sehr individuellen Krankheitsbildern und trotz Östrogenabhängigkeit, beschränkt sie sich nicht nur auf Frauen. Zwar kann man die Symptome mindern, indem den Gehalt an Östrogen im Körper minimiert und die Schmerzen reduziert, doch eine Heilungsmethode gibt es nicht.

Die Rolle des Mikrobioms als zusätzlicher Östrogenlieferant (Estrobolom) wurde in den letzten Jahren bestätigt und verändert momentan die Diagnoseverfahren. Statt Chemiekeule sollen Pro- und Postbiotika den Betroffen helfen, ihr krankhaft verändertes Mikrobiom wieder in Richtung einer gesunden Bakteriengemeinschaft zu züchten.

Quellen:
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